Wir waren in Island auf dem Laugavegur von Þórsmörk nach Landmannalaugar unterwegs. Das Wandern durch das Hochland von Island war ein Traum von uns, aber auf der 3. Etappe vom Álftavatn nach Hrafntinnusker sollte sich unsere Meinung dazu etwas ändern.

Laugavegur – 3. Etappe

Wenn man im Zelt schläft, brauch man nicht nach draußen zu gehen oder schauen, um zu wissen, ob es regnet oder nicht. Man hört es. Immer. Man kann auch unterscheiden, ob es ein Niesel-, Land- oder Platzregen ist. So war es an dem Morgen am Áltftavatn auf. Die Tropfen prasselten beim Aufwachen schon ganz leicht auf das Zelt. Jedes Mal, wenn das so ist, möchte man am liebsten im Zelt bleiben und gar nicht raus kriechen. Aber wir mussten ja weiter und Abends in Hrafntinnusker sein.

Also machten wir uns fertig, löffelten unseren üblichen Haferbrei, packten alles zusammen und trotteten los. Nur einige hundert Meter hinter dem Campingplatz wurde der regen stärker und dann kam auch noch starken Wind dazu. Für einen kurzen Moment überlegten wir, am Campingplatz abzuwarten, bis es besser werden würde, aber wir entschieden uns dagegen. Zur Sicherheit zogen wir aber die Regenkleidung an, obwohl es sich in den Sachen nicht so schön laufen lässt.

Relativ schnell ging es danach den ersten Berg aufwärts. Immer weiter. Ich dachte, der Anstieg hört gar nicht mehr auf. Der Wind wurde immer heftiger und das anstrengende dabei war, dass er direkt von vorne kam, so dass wir viel mehr Energie benötigten, um vorwärts zu kommen. Die Regentropfen prasselten uns frontal ins Gesicht. Aber die Laune war noch recht gut. Oben angekommen, war der Ausblick zurück auf den See Álftavatn fantastisch. Aufgrund des nassen Wetters habe ich nur Bilder mit dem iPhone gemacht, aber man kann erkennen, wie atemberaubend die Fernsicht war.

Blick auf den Álftavatn

 

Nach dem Aufstieg machte regen erst einmal eine kleine Pause, nur der Wind nicht. Es war echt kräfteraubend. Mit den Wanderstöcken stießen wir uns regelrecht nach vorne. Der Regenschutz unserer Rucksäcke flatterte wild im Wind und flog beinahe davon. Aber die Landschaft war auch hier unbeschreiblich schön. Und wieder ganz anders, als in den Tagen zuvor. Wir passierten auch die ersten Schneefelder und zählten die kleinen Erdlöcher, aus denen heißer Dampf fauchend aus der Erde gepresst wurde. Zum Teil stank es furchtbar nach Schwefel. Und wir hielten das ein oder andere Mal lange die Luft an, wenn wir durch diesen Dampf hindurch mussten.

 

 

Auf halber Strecke der Etappe begann es wieder zu Regnen. Wir liefen mittlerweile auf ca. 1000 müNN, so dass es auch etwas kälter wurde und der Wind noch stärker von vorne wehte. Nach einer kurzen Trink- und Energieriegel-Pause erreichten wir die Hochebene, an deren Ende in 4 oder 5 Kilometern die Hütte mit Campingplatz lag. Wir konnten Sie auch schon ganz klein erkennen. Die Hochebene war fast komplett mit Schnee bedeckt und war extrem wellig. Es ging immer 10-15 Meter runter, dann wieder hoch, wieder runter, wieder hoch – das ging endlos so weiter.

Der Regen in Teamarbeit mit dem Wind waren unbarmherzig. Wir mussten auf dem Schnee für jeden Meter kämpfen. Die Regenkleidung hielt uns innen trocken, aber man konnte beim Laufen kaum geradeaus schauen, so peitschten die Tropfen gegen das Gesicht. Die Kapuze tief herunter gezogen, wanderten wir einen Meter nach dem anderen und stapften durch den Schnee. Jedes Mal wenn wir nach oben schauten, war es ernüchternd festzustellen, dass die Hütte einfach nicht näher kommen wollte. Die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Die Laune auf einem Rekordniveau im Keller. Wir wechselten kaum ein Wort. Jeder wollte einfach nur noch ankommen. Wir stellten alles infrage, vor allem unsere Zurechnungsfähigkeit so eine Tour zu machen. „Wie bescheuert muss man nur sein“.

Mit den letzten Kraftreserven kamen wir endlich an der Hütte Höskuldsskáli in Hrafntinnusker an. Die letzte Kraft ging dann aber noch für das Zeltaufstellen drauf. Bei Windgeschwindigkeiten von 100 km/h und mehr, waren wir heilfroh, dass dort kleine Walle aus Steinen gebaut wurde, die etwas Schutz boten. Aber nur mit vereinten Kräften und vollem Körpereinsatz war der Aufbau möglich. Meine Frau musste sich längs auf das ganze Zelt legen, bis ich die ersten Heringe im Boden hatte, sonst wäre alles weg geflogen. Durch den Regen war ja auch noch die ganze Ausrüstung glitschig und durch die Kälte taten die Finger weh. Alles in allem ein körperlich katastrophaler Tag. Wiedermal noch schnell ein Tüten-Essen reingeschaufelt und erschöpft in die Schlafsäcke gekrochen. Das war mit das Anstrengendste, was wir je gemacht hatten. Aber der Tag war endlich zu Ende.

 

Laugavegur – 4. Etappe

Der Wind hatte die ganze Nacht gewütet und so war unser Schlaf nicht sehr erholsam und ausreichend sowieso nicht. Glücklicherweise hatte der Sturm morgens nachgelassen. In der Kälte standen wir bibbernd am Außenwaschbecken und putzten uns gerädert die Zähne mit Eiswasser. Ich hatte kaum noch Gefühl im Mund, fast wie eine kostenlose Betäubung. Aber die Frische tut trotzdem gut. Nachdem alles abgebaut und verstaut war, ging es los, unserem Ziel entgegen – Landmannalaugar.

Bei schönem Wetter kann man eigentlich von Álftavatn in einem durch nach Landmannalaugar laufen, denn die letzte Etappe hatte nur noch 10 Kilometer und führt fast nur bergab. Hätten wir aber nicht machen wollen.

So liefen wir anfangs noch über einige Schneefelder, aber die Energie war wieder aufgeladen (jedenfalls ziemlich). Bergab zu laufen geht manchmal ganz schön auf die Knie und die Oberschenkel. Wegen unserem hohen Gepäckgewicht und aus Vorsicht legten wir am Morgen noch Kinesio-Tapes an, welche die Belastung der Knie reduzieren. Wer Probleme mit schmerzenden Knien hat, sollte sich diese Tapes mal anschauen. Hilft wirklich.

Eine weitere Bestätigung, warum wir von Süden nach Norden, mit Landmannalaugar als Ziel, gelaufen sind, waren die ersten Ausblicke auf diese fantastische Landschaft dort. Man nähert sich der Gegend von oben herunter und kann beim Abstieg jeden Moment genießen. Das Wetter wurde auch immer besser, was die Laune erheblich steigerte. Immerhin sollte Landmannalaugar DAS Highlight in Island werden.

Wir waren am Ziel der Wanderung – Landmannalaugar. Wir hatten in zwei Wochen, zwei Wandertouren geschafft, über 150 Kilometer Strecke. Mit all dem schweren Gepäck und den ganzen Widrigkeiten. Wir waren happy und stolz auf uns.

 

Landmannalaugar – das Ziel

Auf dem Campingplatz angekommen, schnell das Zelt aufgestellt, alle Sachen verstaut und ab zur Mountain Mall. Das sind drei amerikanische Schulbusse, die dort feste stehen. In einem gibt es Lebensmittel, eine kleine aber ausreichende Auswahl. Im nächsten etwas warmes zu Essen (meistens Suppe mit Brot) und im dritten Bücher mit Sitzmöglichkeiten.

Nach tagelang nur Tütenessen, freuten wir uns wie kleine Kinder über ein einfaches Käse-Schinken-Sandwich. Dazu eine Dose Bier für fast 9€, aber egal. So gut hat lange kein Bier mehr geschmeckt. Anschließend die nächste Belohnung: die heißen Quellen zum Baden. Einfach herrlich. Man muss sich zwar geduldig seinen Platz „erkämpfen“, um an die heißen Stellen zu kommen, aber es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl dort im Wasser zu sitzen, zu wissen dass man es geschafft hat und alle Verspannungen durch die Wärme lösen zu lassen.

Abends bereiteten wir uns noch das Abendessen, unterhielten uns lange mit anderen Wanderern und tauschten Erlebnisse aus. Herrlich! Der Sonnenuntergang verhieß gutes Wetter für den nächsten Tag. Und nach tagelangem Regen wachten wir bei fabelhaftem Wetter auf. Unser Plan war eine Tages-Wanderung über den Blahnukúr und den Brennisteinsalda.

 

Bláhnukúr und Brennisteinsalda

Wer den Elan und die Lust hat, sollte diese etwa 10 Kilometer lange und mit 670 Höhenmetern nicht ganz leichte Tour dort auf jeden Fall machen. Direkt vom Campingplatz geht es steil bergauf zum Peak des Bláhnukúr. Die Aussicht oben war aber eine der schönsten, die ich je in meinem Leben hatte. Man hat eine 360 Grad Rundumsicht über dieses Naturspektakel von Landschaft. Ein Bronzeteller mit Himmelsrichtungen und Hinweisen hilft sich zu orientieren. So sind alle umliegenden Berge zu erkennen, die großen Vulkane wie die Katla, der Eyjafjallajökull oder die Hekla.

Und direkt vor den Füßen liegen die unwirklich wirkenden, bunten Rhyolitberge von Landmannalaugar, für die Menschen aus aller Welt dorthin fahren. Man kann sich gar nicht satt sehen. Und wenn das Wetter so schön ist, wie an diesem Tag, an dem wir auf dem Bláhnukúr standen, will man am liebsten nicht mehr dort weg.

Blick vom Bláhnukúr auf Landmannalaugar

 

Aber wie immer, wenn am schönsten ist, soll man gehen. So machten wir uns auf zum nächsten Aussichtspunkt, dem Berg Brennisteindsalda. Er ist nicht so hoch wie der Bláhnukúr, aber man bekommt von dort nochmal einen anderen Blick auf die Landschaft um einen herum. Auf dem Weg dorthin kann man sich noch etwas in der Schlucht Grænagil aufhalten, bevor man wieder entlang des Lavafeldes Laugahraun zum Brennisteinsalda aufsteigt. Wir waren ganz entspannt etwa 3-4 Stunden unterwegs.

Am Abend ging es erneut in die heißen Quellen zum Entspannen. So ließen wir den Tag ausklingen. Am nächsten Tag brachte uns der Hochlandbus raus aus Landmannalaugar, wieder zurück an die Südküste, in den Skaftafell Nationalpark. Die letzte Woche war angebrochen. Mit den Highlights war es aber nicht vorbei. Was wir noch erlebt haben, schreibe ich im letzten Beitrag meiner Island-Serie.

Bis bald…

Michael

 

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