Im September 2021 planten meine Frau und ich mal wieder eine herausfordernde Wanderung zu laufen. Den Kungsleden in Schwedisch Lappland, den königlichen Pfad. Mein Bericht zu dem kleinen Abenteuer soll zeigen, dass es erstens oft anders kommt und zweitens als man denkt. Man könnte den Blogbeitrag auch „Manchmal geht alles schief“ nennen. Und warum heißt der Titel „Von Schwedisch Lappland bis zu den Lofoten“? Viel Spaß beim Lesen.

Der Kungsleden – der königliche Wanderweg

Der gesamte Kungsleden ist etwa 440 Kilometer lang. Die komplette Tour würden wir in unserem dreiwöchigen Urlaub nicht schaffen, daher planten wir eine Strecke von 260 Kilometern in 19 Tagen. Man hat auf dem Kungsleden oft keine Möglichkeit auszusteigen, da er viele Abschnitte lang nicht an einer Straße mit Busanbindung vorbeiführt. Soweit die Planung. Wir waren gut im Training, hatten unser Gepäck präzise auf die Etappenlänge abgestimmt und waren bereit loszulaufen. Die Gaskartuschen für unseren Campingkocher schickte ich zwei Wochen vorher per Post voraus, damit wir sie am Startpunkt nur noch abholen mussten. Wir flogen nach Kiruna, wo wir die erste Nacht auf dem Campingplatz schliefen. Von dort ist es mit dem Bus noch etwa eine Stunde Fahrt bis zum Startpunkt in Abisko. Dort angekommen, mussten wir feststellen, dass unsere Gaskartuschen nicht in der Poststelle waren. Und jetzt? Ohne Gas kein Essen. Ging ja schon mal gut los. Auf gut Glück fuhren wir per Anhalter das letzte Stück weiter bis zur Tourist Station in Abisko, um vielleicht noch dort Gas zu bekommen. Zu unserer unerwarteten Freude lagerte unser Paket schon in der Tourist Station auf uns (die ganze Geschichte ist zu lang, um sie hier ausführlich zu erzählen). Also Gas war da und wir konnten starten.

Erste Etappe: 12 Kilometer. Schöner Beginn. Die Landschaft war grandios. Die Laubfärbung der Birkenwälder war auf ihrem Höhepunkt. Alles leuchtete satt gelb. Toll. Am ersten Campingplatz angekommen (der einzige kostenpflichtige, weil noch im Abisko Nationalpark), gab es lecker zu essen und dann ab in den Schlafsack. Die Nacht fühlte sich schon ziemlich frisch an, aber die Schlafsäcke hielten uns warm. Am Morgen erführen wir vom Camping-Host, dass es -6°C in der Nacht waren. Damit hatten wir nicht gerechnet. Statistisch sollten es minimal um die Null Grad sein. Er meinte, es wäre viel zu kalt für die Jahreszeit. Nun gut, das würden wir schon packen. Ausgerüstet waren wir. Es blieb uns ja nichts anderes übrig.

Die zweite Etappe war gleich mal 21 Kilometer lang. Ordentlich. Die Strecke hatte nicht sehr viel Höhenmeter, aber durch die 30 Kilogramm Gewicht auf meinen Schultern, ging sie sehr in die Beine. Nach etwas mehr als 18 Kilometern suchten wir uns ein schönes Fleckchen zum campen. Es reichte für den Tag. Nach einem anstrengenden Tag schläft man immer gut, vor allem in so einer tollen Landschaft. Morgens machte ich die Augen auf und die Zeltdecke hing sehr durch, obwohl ich gut abgespannt hatte. Bis ich merkte, dass es geschneit hatte. Na toll, auch das noch. Und die Nacht war nochmal 2-3 Grad kälter als die vorangehende. Wir froren schon etwas. Unsere Füße sind immer der Indikator für Temperatur. Das Problem bei so einer Kälte, ist die warme Atemluft, die an den Zeltwänden kondensiert und irgendwann auf die Schlafsäcke tropft. Lässt sich nicht vermeiden, auch wenn die Luftöffnungen alle auf sind. So waren unsere Schlafsäcke auf der Oberseite ziemlich feucht. Die Federn bekommen die Feuchtigkeit auch ab und bieten dann nicht mehr so viel Isolation, weil sie verklumpen, also friert man mehr. Rattenschwanz.

Nach heißem Kaffee und heißem Porridge ging es weiter bis zum dritten Etappenziel. Die Landschaft durch die wir liefen, wurde zwar immer karger, keine Bäume und nur wenige Büsche. Aber ein wirklich sehenswertes und fotogenes Landschaftsbild. Die Nacht am Berghang, wo wir mit unserem Zelt standen, wurde leider nicht viel besser. Ein Schneesturm fegte die Flanken des Berges hoch und rüttelte stetig am Zelt. Aber unser trautes Heim hat damit keine Probleme gehabt. Zum Glück.

Am folgenden Morgen führte unser Weg weiter durch den frisch gefallenen Schnee. Glatte Blockbohlen und rutschige Steine, über die wir balancieren mussten, waren manchmal etwas knifflig. Aber dann kam eine noch tiefer verschneite Passhöhe, welche gemeistert werden wollte. Es war schon anstrengend, aber irgendwie auch ein Stück weit Abenteuer, welches wir so noch nie gemacht hatten. Mit ausreichend Vorsicht und Umsicht, kamen wir aber gut auf der anderen Seite im Tal an. Dort ging es nur noch wenige Kilometer weiter bis zu der Stelle, wo wir campen wollten.

Die nächste Nacht stellte den bisherigen Höhepunkt dar. Bei etwa -10°C bis -11°C bekamen wir einfach keine Wärme mehr in die Schlafsäcke, egal wie viele Lagen Kleidung wir trugen. Und wir trugen so ziemlich alles, was wir hatten. Es war einfach nur noch kalt. Den Schlaf benötigt man auf solchen Wanderungen dringend zur Regeneration. Wenn man diese Erholung nicht bekommt, fehlt einem irgendwann die nötige Energie. Im Laufe des vierten Tages, war mir klar, dass ich bei den Temperaturen und mit dem Gewicht keine 19 Etappen schaffe, bzw. schaffen wollte. Es wäre ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch Quälerei. Also überlegten wir hin und her und kam zu der Entscheidung, die Tour auf neun Etappen abzukürzen und bis nach Nikkaluokta zu laufen. Von dort würde uns ein Bus wieder in die Zivilisation bringen. Aber was dann? Unser Rückflug war fest für Tag 21 gebucht. Was machen so lange? Kiruna ist keine Stadt, in der man gerne zwölf Tage verbringen will.

Auf dem ersten Campingplatz unterhielten wir uns abends mit anderen Wanderern, die nach ihrem Trip noch mit dem Auto nach Norwegen „rüber“ fahren wollten – auf die Lofoten. Es wären nur fünf Stunden Fahrt. Das kam uns am vierten Morgen, unserem Tiefpunkt, wieder in den Sinn. Und wir fanden die Idee toll. Die Inselkette der Lofoten wollten wir schon immer sehen. Und jetzt waren wir praktisch einen Steinwurf davon entfernt. Also beschlossene Sache. Ganz spontan. Die Laune hob sich merklich. So ist das, wenn man in einer schwierigen Situation ein Licht am Ende des Horizonts sieht.

Nach insgesamt 120 Kilometern Wanderweg in Nikkaluokta angekommen und endlich wieder mit Handyempfang, buchten wir uns kurzerhand einen Leihwagen. Schnell noch einen heißen Kaffee getrunken, dann ließen wir uns mit dem Bus zurück nach Kiruna chauffieren. Mit etwas Glück bekamen wir das Auto am Flughafen ausgehändigt, obwohl ich keinen physischen Führerschein dabei hatte (war in der ursprünglichen Planung auch nicht nötig gewesen). Aber mit einer Fotokopie und Überzeugungskraft klappte es letztendlich. Der Chef der Autofirma war wirklich super! Das rettete den übrigen Urlaub. Ab ging es nach Norwegen. Und Haken dran an die Kungsleden-Wanderung.

Die Lofoten – Traumziel vieler Urlauber

Es dauerte tatsächlich gerade einmal gute 5 Stunden und wir war am Ziel. Auf der Inselkette der Lofoten. Und den Umständen geschuldet auch völlig planlos. Ganz untypisch für uns. Aber das macht einen gewissen Reiz aus, mal ohne monatelanger Vorplanung und akribischem Zusammenstellen von Fotospots. Einfach drauf los. Sich einfach überraschen lassen, was der Tag so bringt.

Wir suchten nach kurzen Wanderungen, um unser Bedürfnis nach Bewegung zu stillen. Aber auf den Lofoten ist das nicht so leicht. Wie sehen die Lofoten aus? Aus dem Meer stiegen steil die Bergketten empor, welche die Inseln bilden. Man startet also auf Meereshöhe und wandert, nein man klettert eher steil in Richtung Gipfel empor. Die Touren sind manchmal nur 2-3 Kilometer lang, haben aber 400-500 Höhenmeter. Das ist ordentlich. War aber ein super Fitnesstraining. Und oben auf den Gipfeln bieten sich so atemberaubende Blicke, wie ich sie selten erlebt habe. Eine tolle Entschädigung für das Schweden-Desaster. Okay Desaster darf man nicht sagen, die 8 Wandertage hatten auch viele schöne Momente und Erlebnisse (die ehrlich gesagt heute weit mehr überwiegen).

Aber es würde nicht ins Schema dieses Urlaubs passen, wenn auf den Lofoten alles glatt gelaufen wäre. Die zweite Nacht standen wir auf einem tollen Campingplatz, direkt am Meer. In der Nacht, ich schätze es war so 2 Uhr, begann aus dem bis dahin stärkeren Wind ein Sturm zu werden. Für eine kurze Zeit kein Thema, unser Zelt ist extrem Sturm-stabil. Aber der Sturm hört nicht auf und peitschte in heftigen Schüben über uns. Es wurde irgendwann so kritisch, ich hatte Angst die Zeltstangen brechen alle durch, dass wir in Windeseile das Zelt abbauen mussten und die restliche Nacht im Auto blieben, wobei wir dort auch heftig durchgeschüttelt wurden. Der Wetterbericht zeigte, dass der Sturm in den darauffolgenden drei Tagen noch stärker werden sollte. Zelten war da nicht drin. Also musste eine Notunterkunft her. Spontan suchten wir uns ein Zimmer, um den Strom dort auszusitzen. Die Preise in Norwegen sind nicht günstig, aber durch Zufall stießen wir auf ein kleines, bezahlbares Apartment, um uns auch selbst versorgen zu können. So harrten wir dort aus, bis sich der Sturm gelegt hatte. Zum Glück gilt das Volumen meines Handyvertrages auch in Norwegen und so war Netflix ein netter Zeitvertreib.

Als der Sturm vorbei war, zog es uns natürlich wieder raus auf den Campingplatz. Was der Sturm aber hinterließ, war regnerisches Wetter. So waren die Wiesen der Campingplätze oft patschnass. Aber egal, wir waren wieder in unserem Element. Wir konnten in den folgenden Tagen so ziemlich jeden Gipfel erklettern, den wir uns vorgenommen hatten und genossen die fantastischen Ausblicke. Manchmal war es sogar auf den Bergspitzen eine Matschpartie, aber wir hatten trotzdem Spaß. Diese Landschaft entschädigt einfach vieles. Was sehr schade ist, war die Tatsache, dass viele Cafés in dem Zeitraum Ende September, Anfang Oktober ihre Türen schließen, um Betriebsurlaub zu machen. Wir nutzen Cafés sonst immer gerne, um stärkere Regenschauern zu überbrücken. Ging aber dieses Mal nicht. So musste unser kleines Auto dafür als Café-Ersatz herhalten. Zum Glück hatten wir aber immer alles für einen heißen Kaffee oder Tee im Kofferraum und mussten somit auf nichts verzichten. Not macht eben erfinderisch.

Fazit – geht manchmal wirklich alles schief?

Was für ein Typ bist du? Glas halb leer, oder Glas halb voll? Ich muss ehrlich sagen, bei mir wechselte es diesem Urlaub einige Male. In gewissen Situationen kam eine leichte Verzweiflung auf, wie es weitergehen soll, dann wiederum überkam mich eine Dankbarkeit, so tolle Landschaften sehen und erleben zu dürfen. An anderen Tagen war ich auf das Wetter sauer, weil es uns bei vielen Plänen einen Strich durch die Rechnung machte. Und dann wiederum war meine Abenteuerlust geweckt, aus der Situation das Beste zu machen, quasi zu überleben. Aber es wäre gelogen, wenn ich sage, dass ich die Rückschläge immer gut weggesteckt hätte. Ich lerne aber in jedem Urlaub besser damit umzugehen, auch wenn dieser Trip die bisher größte Herausforderung war. Man muss an sich arbeiten. Hauptsache man geht hinterher stärker aus einer Sache heraus, als man es vorher war.

Ich habe nach wie vor extreme Lust, den restlichen Teil des Kungsleden in Schwedisch Lappland fertig zu wandern. Vielleicht das nächste Mal etwas früher im Jahr, um so eine Kälte nicht mehr zu erleben. Aber ich will unbedingt noch mal dorthin. Das zeigt mir, dass es letztendlich alles gar nicht so schlimm gewesen sein kann 🙂

Wer bei diesen Zeilen hier angekommen ist, verdient ein dickes Lob. So viel Text zu lesen, von dem man eigentlich keinen Mehrwert hat. Aber vielleicht bleibt euch eins im Sinn: Manchmal kommt es anders als man denkt. Pläne sind gut, aber sie bedeuten nicht automatisch Erfolg beim Reisen. Lasst euch nicht aus der Bahn werfen, macht weiter und achtet auf die schönen und positiven Dinge, die das Leben wirklich bereichern.

In dem Sinn, bis zum nächsten Mal…

Michael

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